Hüter des Kristalls (Kinderbuch-Leseprobe)

Leseprobe des 4. Kinderbuch-Abenteuers

Kinderbuch "Leuchtturm der Abenteuer 04. Hüter des Kristalls"Über den Wipfeln der Bäume funkeln die Sterne in ihrer ganzen Pracht. Keine Lichter der Großstadt trüben die Sicht auf die Milchstraße. Im Wald ist es ruhig, nur hin und wieder hört man einen Uhu rufen oder einen Ast knacksen. Es ist Spätsommer und Michael ist auf einer Klassenfahrt. Die Kinder zelten im Wald und jede Nacht können zwei Schüler in dem einzigen Baumhaus des Zeltplatzes über- nachten. Michael feiert heute seinen neunten Geburtstag. Deshalb dürfen er und Tim dort schlafen. Die Jungs sind aber gar nicht müde und stehen am offenen Fenster.

»Das ist eine coole Klassenfahrt«, sagt Michael. Sein Blick streift über den Platz. Nur in wenigen Zelten brennt noch Licht.

»Schade, dass Jan nicht dabei ist«, sagt Tim. »Weißt du, warum er nicht mitgekommen ist?«

»Nein«, antwortet Michael. »Vielleicht hatte er keine Lust.«

»Das glaube ich nicht«, entgegnet Tim. »Vielleicht hat ihn seine Schwester im Keller eingesperrt.«

»Ja«, lacht Michael, »das kann ich mir bei ihr sehr gut vorstellen.«

Tim schaut zum Nachthimmel hinauf. »Zuhause sieht man nicht so viele Sterne.«

»Welcher davon ist wohl Himmelblau?« Michael deutet mit seiner magischen Taschenlampe nach oben. Plötzlich zittert sie in seiner Hand.

»Nanu?« Er führt die Lampe langsam über das Himmelszelt. Als sie auf einen kleinen Stern zeigt, brummt und wackelt sie heftig.

»Wahnsinn«, jubelt Michael. »Das muss Himmelblau sein!« Er nimmt seine Taschenlampe wieder runter. »Wollen wir dahin?«

»Na klar«, ruft Tim.

Michael schaltet die Lampe ein und gemeinsam schauen sie in ihr Licht.

*

Michael und Tim landen auf der Wiese vor dem Leuchtturm der Abenteuer. Plötzlich explodiert etwas und sie werden umgeworfen. Grasbüschel fliegen durch die Luft und bedecken sie.

»Was ist denn hier los?«, schreit Tim.

Als sich der Rauch gelegt hat, stehen die Jungs auf und sehen sich um. Es ist ein sonniger Tag. Michael bemerkt am Leuchtturm einen Kampf- roboter. Die Augen der Maschine blitzen auf und rote Laserstrahlen zischen durch die Luft. Schon wieder explodiert der Boden in ihrer Nähe und es regnet Erde.

Michael spuckt Dreck aus. »Wir müssen hier weg!«

Sie rennen geduckt in Richtung eines Waldes. Hinter sich hört Michael weitere Explosionen und spürt die Druckwellen. Als sie den Waldrand erreichen, hört der Roboter auf zu feuern.

»Spinnt der?«, schreit Tim wütend. »Was soll das denn?«

»Keine Ahnung«, antwortet Michael. »Aber ohne die blaue Rückkehr-Taschenlampe aus dem Leuchtturm kommen wir nicht mehr nachhause.«

»Hallo Leute!«, ruft jemand hinter ihnen. Aus dem dunklen Wald kommt ein kleiner Elfenjunge geflogen.

»Purzel!«, ruft Michael begeistert.

»Hallo«, sagt Tim.

Purzel landet vor ihnen und lässt traurig seine Flügel hängen.

»Was ist los?«, fragt Michael.

»Hier ist es nicht sicher«, sagt Purzel und deutet in eine Richtung.

Die Jungen gehen am Waldrand entlang. Als der Kampfroboter außer Sicht ist, setzt sich Purzel auf einen Stein. Michael und Tim stehen vor ihm.

Purzel seufzt. »Jan hat doch den Roboter und den Piraten hierher geschickt. Zuerst haben sie sich im Elfenwald versteckt und nichts getan. Ich hatte schon geglaubt, sie wären verschwunden.«

»Okay«, sagt Michael.

»Doch dann haben sie angegriffen!«

»Oje«, sagt Michael.

Purzel schnieft. »Meine Mutter hat mich in mein Zimmer geschickt und gesagt, dass ich aus dem Fenster davonfliegen soll. Ich habe noch gehört, wie der Pirat sie in ein Verlies im Keller gesperrt hat.« Purzel wischt sich eine Träne aus dem Gesicht, doch die nächste ist schon unterwegs.

»Dieser Dreckskerl«, schimpft Tim und stampft mit dem Fuß auf.

»Und dein Vater?«, fragt Michael.

»Der ist immer noch im Norden bei den Riesen.«

Michael legt seine Hand auf Purzels Schulter. »Warum bist du nicht zurückgekommen und hast uns geholt?«

Purzel blickt auf den Boden. »Niemand kommt in die Nähe der magischen Eiche, ohne beschossen zu werden.«

»Und warum hast du nicht Sausi gerufen?«, fragt Michael. »Mit ihm hättest du doch in den Norden zu deinem Vater fliegen können.«

»Sausi ist selbst dort«, antwortet Purzel. »Wenn ein Schmetterling grüne Flügel bekommt, fliegt er in die Berge zur Paarung.«

»Ach so«, sagt Michael.

»Der Pirat wartet vermutlich auf die Ankunft seines Anführers«, erzählt Purzel. »Ich habe beobachtet, wie er ein Flederschwein über das Meer geschickt hat.«

»Was für ein Schwein?«, fragt Tim.

»Das ist so was wie eine Brieftaube«, erklärt Purzel. »Damit hat er den bösen und gefürchteten Zauberer Hans gerufen.«

»Was will der denn hier?«, fragt Michael.

»Er arbeitet für die Bruderschaft vom grünen Mond«, antwortet Purzel. »Und die möchte den magischen Kristall aus dem Leuchtturm.« Purzel seufzt. »Ich wünschte, mein Papa wäre hier.«

Michael läuft auf und ab, als er jenseits der Wiese ein hohes Gebäude mit Türmen bemerkt.

»Die Burg da kenne ich doch«, ruft er.

»Das ist die Drachenburg«, sagt Purzel. »Da lebt der Elfenkönig und mein Vater arbeitet dort normalerweise.«

»Der Elfenkönig?«, fragt Michael. »Kann der uns nicht helfen?«

»Ich glaube nicht«, murmelt Purzel. »Er ist ganz alt und in der Burg sind auch keine Soldaten oder so. Und mein Vater ist ja auch nicht da.«

»Ich finde trotzdem, dass wir den König um Hilfe bitten sollten«, sagt Michael. »Immerhin ist er doch der König.«

»Dann lasst uns gehen«, sagt Tim.

Michael reicht Purzel seine Hand.

*

Die Sonne scheint und das Meer ist ruhig. Ein dreimastiges Segelschiff ist in der Bucht vor dem Leuchtturm der Abenteuer vor Anker gegangen. Es ist das Admiralsschiff der Flotte, denn seine schwarze Flagge hat keine weiße, sondern eine goldene Bärentatze.

Obertatze wartet am Ufer auf Admiral Hans und Kapitän Urs, die gerade aus einem Ruderboot steigen. Sie gehen über einen Bootsanleger und bleiben vor ihm stehen.

Der Kapitän, ein verzauberter Riesenhase, betrachtet seinen ersten Offizier. »Wie siehst du nur aus?«, schimpft er. »Wo ist deine Uniform? Warum trägst du ein rosafarbenes Kleid?«

Obertatze schaut verlegen auf den Boden.

Der Admiral hat schwarze Haare, trägt einen dunklen Umhang und ein Zepter. Er streicht sich nachdenklich über seinen Vollbart und betrachtet den Kampfroboter, der den Eingang des Leuchtturms bewacht.

»Was sind das für Flecken und Löcher auf der Wiese?«, fragt der Admiral.

»Ja, nun«, stammelt Obertatze und tritt nervös von einem Bein auf das andere, »da waren auf einmal Menschenkinder. Der Roboter hat sich bedroht gefühlt und geschossen.«

»Bedroht? Vor Kindern?« Der Admiral schaut ihn mit einem stechenden Blick an.

»Der Roboter hatte noch einen alten Feuerbefehl«, erklärt der Pirat. »Ich habe ihm jetzt aber befohlen, nicht mehr ohne Befehl zu feuern.« Obertatze starrt ängstlich auf den grünen Stein an der Spitze des Zepters.

»Ich will nicht, dass der Roboter hier wild um sich schießt«, brüllt Hans. »Sonst lasse ich dich ausstopfen und verschenke dich an ein Kind von der Erde. Ist das klar?«

»Ja«, stammelt Obertatze und wischt sich mit der Pfote über die verschwitzte Stirn.

Ein lautloser Blitz zuckt vom Himmel. Obertatze und Hans sehen nach oben.

»Admiral, seht doch«, ruft der Riesenhase und zeigt in Richtung Land. Dort ist ein Junge mit braunen Haaren und einem Rucksack auf dem Rücken aufgetaucht, der sich verwirrt umsieht. Als der Junge den Roboter bemerkt, rennt er in den benachbarten Wald.

»Ich kümmere mich um das Kind«, sagt Hans.

»Jawohl, Admiral«, antworten der Kapitän und sein erster Offizier gleichzeitig.

Als Hans verschwunden ist, brummt Kapitän Urs: »Ich verstehe nicht, was er an diesen Menschenkindern so toll findet. Wenn es nach mir ginge, würde ich die alle in den Vulkan auf der dunklen Seite werfen.«

»Das sollten wir machen«, ruft Obertatze begeistert, woraufhin ihn der Riesenhase mit zusammengekniffenen Augen ansieht.

»Wo sind deine Sachen und dein Säbel?«, fragt der Kapitän.

»Die hat mir dieses grauenvolle Mädchen weggenommen«, jammert Obertatze.

Urs verdreht die Augen. »Pupu, bist du noch ein Baby?«

»Bitte nicht so laut«, flüstert Obertatze.

»Ich bin enttäuscht. Wie kannst du dir von einem kleinen Kind dein Zeug klauen lassen?«

»Klein?«, meckert Obertatze. »Klein sind diese Monsterkinder wirklich nicht. Die sind grauenvoll und bösartig zu uns Bären! Dieses kleine Mädchen hat mich mit einer Harke gestriegelt.«

»Hör schon auf zu flennen«, schimpft der Kapitän. »Du bist ja eine Schande. Zieh dir sofort ordentliche Sachen an, dein Anblick ist ja peinlich«.

Mit hängendem Kopf geht Obertatze zum Bootsanleger und steigt in eines der dort festgemachten Ruderboote.

*

Michael, Tim und Purzel nähern sich der Drachenburg. Michael schaut mit großen Augen in die Höhe.

»Wahnsinn«, ruft er. »Die Burg ist ja riesig.«

»Kein Wunder«, sagt Purzel, »sie wurde ja auch von Riesen gebaut.«

»Echt?«, fragt Tim. »Von Riesen?«

»Ja«, antwortet Purzel, »die Riesen lebten früher im Grasland. Sie errichteten drei große Bauwerke: die Drachenburg, das gigantische Kolosseum in der Kristallstadt und die Sternwarte in den Bergen.«

»Cool«, sagt Tim und betrachtet einen Turm. Auf seiner Spitze weht eine blaue Fahne mit einem vierblättrigen Kleeblatt.

Die Jungs bleiben vor einer heruntergelassenen Zugbrücke stehen.

»Keine Wachen?«, fragt Michael. »Normalerweise stehen am Eingang einer Burg doch Wachen.«

»Ein Problem weniger«, jubelt Tim und rennt auf die Brücke.

»Warte!«, ruft Purzel.

Da schießt ein roter Drachenkopf aus dem Burggraben. Feuer zischt aus seinem Maul und verbrennt den Boden vor Tims Füßen.

Tim springt erschrocken zurück. »Heiß!«

»Wer seid ihr und warum soll ich euch nicht auf der Stelle töten?«, fragt der Drache mit tiefer, rauchiger Stimme.

Purzel fliegt auf die Zugbrücke und landet neben Tim. Michael folgt ihm vorsichtig.

»Wir wollen nichts Böses!«, sagt Purzel und hebt beschwichtigend die Arme.

Die rot funkelnden Augen des Drachen sehen Purzel misstrauisch an.

»Wir müssen unbedingt zum König«, sagt Purzel. »Ein Kampfroboter belagert den Leuchtturm und der böse Zauberer Hans ist unterwegs, um den magischen Kristall zu stehlen.«

»Der Kristall wurde seit ewigen Zeiten nicht angerührt und so wird es auch bleiben!« Der Drache klettert aus dem Burggraben und versperrt ihnen den Weg. Die Jungs starren ihn mit offenen Mündern an.

»Wenn ihr passieren wollt, müsst ihr drei Fragen beantworten, und wenn ihr nur eine davon falsch beantwortet, müsst ihr sterben!«

Michael und Tim schlucken hörbar und schütteln heftig die Köpfe.

Purzel bemerkt sie nicht. »Okay, wie sind die Fragen?«

»Oje«, jammert Michael.

»Na toll«, sagt Tim.

»Frage eins: Wie ist mein Name?« Der Drache schaut sie fordernd an. Seine roten Augen leuchten hell und sein heißer Atem pustet ihnen durch seine Nüstern entgegen.

»Äh«, macht Purzel.

»Das ist nicht mein Name!« Der Drache atmet tief ein.

»Nein, nein«, sagt Purzel schnell, »ich musste nur kurz überlegen. Dein Name ist natürlich Feuersturm

Die Jungs warten mit angehaltener Luft auf seine Reaktion.

»Richtig«, sagt er. »Zweite Frage: Wie heißt der Elfenkönig?«

»Aurel«, platzt es aus Purzel heraus.

»Gut«, sagt der Drache. »Dritte und letzte Frage: Vor wie vielen Jahren ist der magische Kristall auf Himmelblau gestürzt?«

»Oh«, stöhnt Purzel. »Das war vor … vor …«

»Vor viertausend Jahren«, ruft Michael plötzlich. »Das hat mir Billy neulich erzählt.«

»Falsch«, sagt der Drache und holt tief Luft.

(C) Karim Pieritz

Wird es den Jungs gelingen, den magischen Kristall zu beschützen und Purzels Mutter zu befreien?

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