Der Stein der Riesen (Kinderbuch-Leseprobe)

Leseprobe des 5. Kinderbuch-Abenteuers

Kinderbuch 5: Der Stein der RiesenDas Spielzeugparadies

Es ist Weihnachtszeit und Immergrün liegt unter einer dichten Schneedecke. Gaslaternen tauchen die Stadt in ein warmes Licht und über die schneebedeckten Straßen ziehen Mütter und Väter ihre Kinder auf Schlitten in die festlich geschmückte Innenstadt. Viele Geschäfte laden die Passanten zu einem Schaufensterbummel ein, darunter ist auch das Spielzeugparadies, der Traum jeden Kindes in Immergrün. Am Vormittag des Heiligen Abends ist ein Besuch dort jedoch der Albtraum der Eltern, denn kein Kind will freiwillig wieder gehen. Ein prächtiger Weihnachtsbaum steht am Eingang des großen Ladens und bunt dekorierte Gänge führen zu den Spielsachen für Jungen und Mädchen.

Der 9-jährige Elfenjunge Purzel besucht seit einigen Wochen seinen Freund Michael auf der Erde. Um nicht aufzufallen, versteckt Purzel seine Flügel unter dem dicken Wollpullover, den ihm Michaels Mutter zum Nikolaus geschenkt hat. Wenn er den bunten Leuchtturm darauf anschaut, bekommt er großes Heimweh. Ob ihn seine Eltern nach der langen Zeit noch wiedererkennen? Wie mag es ihnen gehen? Wer weiß, was die böse Bruderschaft vom grünen Mond gerade ausheckt? Diese Fragen quälen ihn und er denkt immer öfter an die Rückkehr in vier Wochen. Wie schön wäre es, wenn er vorher kurz zuhause nachsehen könnte. Um ihn etwas aufzumuntern, hat Michael ihn in das Spielzeugparadies mitgenommen. »Hier ist ein geheimes Zwischenlager eines magischen Wesens, das am Nordpol Geschenke herstellt und diese auf der Erde verteilt«, hat Michael erzählt. Als Purzel gefragt hat, ob das Wesen das alles alleine macht, hat er geantwortet: »Ihm helfen andere Wesen mit spitzen Ohren.« Dann hat er gelacht. Das hat Purzel nicht verstanden – bis jetzt!

Purzel steht vor einem Schlitten, vor den paarweise vier bunte Pferdefiguren gespannt sind. Darin sitzen zwei Figuren: ein dicker Mann in einem roten Bademantel mit einem langen weißen Vollbart und vor ihm auf dem Kutschbock ein kleines Wesen mit spitzen Ohren. Purzel lächelt grimmig. »Ihr werdet was erleben«, sagt er und zieht Jacke und Pullover aus.

*

Der 9-jährige Eduardo ist im Sommer mit seinem Vater in Amerika gewesen. Dort hat er viele Abenteuer erlebt, von denen er gerne seinem Freund Michael erzählt. Beide laufen gemeinsam durch einen Gang des Spielzeugparadieses. Sie stoppen bei einem Roboter aus kleinen Bausteinen, der ihnen bis zum Bauchnabel reicht.

»R2D2 würde in meinem Zimmer cool aussehen«, sagt Michael.

»Solange er nicht mit Atombomben wirft«, sagt Eduardo.

»Wie denn?«, fragt Michael und grinst. »Er hat doch gar keine Arme.

»Die schießt er einfach aus einer Klappe im Bauch«, antwortet Eduardo und lacht.

»Es ist so krass, dass du den Bärenkampfroboter auf dem Mars gesehen hast«, sagt Michael. »Haben die Wissenschaftler wirklich nichts bemerkt?«

»Nee«, antwortet Eduardo. »Aber seit der Atomexplosion regnet es auf dem Mars und das haben sie bemerkt.«

»Echt jetzt?«, staunt Michael.

»Ja, aber das ist geheim«, flüstert Eduardo.

»Was ist geheim?«, fragt eine Jungenstimme hinter ihnen.

Michael dreht sich um und erkennt Tim und Jan. »Die Sache mit dem Leben auf dem Mars«, antwortet er. »Und die Sache mit der magischen Taschenlampe.«

»Und dass Purzel Flügel hat«, sagt Tim und grinst. »Wo ist er überhaupt?«

Die Kinder schauen sich um. »Verschwunden«, sagt Eduardo.

»Oh nein«, stöhnt Michael. »Er kennt sich hier doch nicht aus.«

»Okay«, sagt Tim, »wir suchen ihn. Ihr geht da lang und Jan und ich durchsuchen diesen Gang.«

»Wieso sollen wir da suchen?«, fragt Eduardo. »Da gibt’s doch nur langweiliges Mädchenzeug.«

»Ist schon okay«, sagt Michael. »Wir wollen ja nix kaufen.«

Michael und Eduardo gehen an zahllosen Puppen, Spielküchen und Regalen mit rosafarbenen Kartons vorbei. Eduardo bleibt stehen und starrt ungläubig auf das Preisschild an einem kleinen Palast mit Türmen. »Guck mal, was das Teil kostet«, ruft er.

Michael schaut hin und schüttelt den Kopf. »Da bekommt man ja einen halben Todesstern für.«

»Dann nehme ich lieber den halben Todesstern«, sagt Eduardo.

Sie gehen weiter und halten bei einem Weihnachtsschlitten an, in dem eine Elfen- und eine Weihnachtsmannfigur sitzen.

»Wo kann Purzel nur sein?«, fragt Michael und lehnt sich an den Schlitten.

»Ho ho ho«, sagt eine Stimme.

»Cool«, sagt Eduardo. »Die Figuren haben Lautsprecher.«

»Er muss doch hier irgendwo sein«, sagt Michael. »Lass uns weitersuchen.«

Spielzeugparadies

Nachdem sie alle Gänge mit Mädchen-Spielzeug abgesucht haben, bleiben sie mit hängenden Köpfen stehen.

»Mist«, schimpft Michael. »Wir gehen jetzt in die Jungs-Abteilung. Vielleicht haben Tim und Jan ihn gefunden.«

Tim und Jan sind leicht zu finden, denn schon von Weitem kann man sie hören.

»Wenn ihr nicht auf meiner Seite steht, dann seid ihr mein Feind!«, schreit Jan und bedroht Tim mit einem leuchtenden Lichtschwert.

»Es ist vorbei Anakin. Ich stehe deutlich über dir«, antwortet Tim und sein Lichtschwert knallt auf Jans.

»Na toll«, schimpft Michael. »Ihr wolltet doch Purzel suchen.«

»Ihr unterschätzt meine Macht«, ruft Jan, ohne auf ihn zu achten.

»Ho ho ho«, dröhnt eine sehr laute Stimme und alle Jungs erstarren.

»Das kam aus dem Gang mit dem Schlitten«, sagt Eduardo und rennt los. Jan und Tim legen ihre Lichtschwerter ins Regal zurück und folgen ihm.

»Natürlich«, ruft Michael und klatscht seine Hand gegen die Stirn, »der Weihnachtself, der hatte ja Flügel! Wie konnte ich das übersehen?« Dann läuft auch er los.

Der Rote Mann

Purzel sitzt im T-Shirt mit sichtbaren Flügeln auf dem Kutschbock eines Weihnachtsschlittens, der von vier bunten Pferden mit putzigen Frisuren gezogen wird. Vorne steht ein Pony mit blauem Fell und hellblauer Mähne neben einem rosafarbenen Pony mit knallroter Mähne. Dahinter erkennt Michael Ponys in den Farben gelb und grün. Im Schlitten sitzt der Weihnachtsmann. Purzel strahlt über beide Spitzohren.

»Das ist ja peinlich«, lacht Tim und klopft sich auf die Schenkel.

Michael schüttelt den Kopf. »Purzel«, ruft er vorwurfsvoll. »Komm da runter. Wenn dich jemand so sieht!«

Doch Purzel bleibt sitzen und grinst. »Ich bin ein Weihnachts-Elf und muss noch viel arbeiten.«

»Das ist ein Mädchen-Weihnachtsschlitten«, erklärt Michael. »In so was setzen Jungs sich nicht.«

»Wieso ist das ein Mädchen-Schlitten?«, fragt Purzel.

»Bunte Ponys mit bunten Frisuren«, sagt Tim. »Deutlicher geht es ja kaum.«

»Also sind bunte Sachen nur für Mädchen?«, fragt Purzel.

»Nein«, antwortet Tim, »nur peinliche Sachen.«

»Aber wann ist denn etwas peinlich?«, fragt Purzel weiter.

»Das ist kompliziert«, antwortet Michael. »Sowas weiß man einfach. Jetzt zieh dir den Pullover wieder an.«

Purzel rührt sich nicht. »Ihr wisst doch, dass man im Winter nicht nach Himmelblau reisen kann, weil man sonst hoch über dem Leuchtturm erscheint und abstürzt?«

»Ja«, antwortet Michael und nickt.

»Sali hat uns zu ihrer Ernennung zur Zauberin eingeladen«, sagt Purzel. »Das geschieht heute bei einer tollen Feier in der Kristallstadt, und wir sind nicht dabei.«

»Das ist ja schade«, sagt Michael.

»Aber wisst ihr was?« Purzel deutet mit den Armen auf den Ponyschlitten. »Hiermit können wir dabei sein.«

»Wie meinst du das?«, fragt Jan.

»Wenn wir den Schlitten mit einer magischen Taschenlampe anleuchten, dann werden die Ponys lebendig«, erklärt Purzel. »Mit etwas Zauberei sorge ich dafür, dass Ponys und Schlitten fliegen können. So können wir alle sicher auf Himmelblau landen.«

»Ich kann auch zaubern, seit uns der Drache Feuersturm mit goldenem Staub eingesprüht hat«, sagt Tim. »Das könnte ich auch machen.«

»Ich auch«, sagt Jan.

Alle Blicke richten sich auf Michael. »Ich übe noch«, sagt er und blickt auf seine Füße.

»Quatsch«, entgegnet Tim, »du traust dich nur nicht.«

»Stimmt nicht«, widerspricht Michael und schüttelt den Kopf.

»Er wird es noch lernen«, verspricht Purzel. »Bei einigen dauert das manchmal etwas länger. Jedenfalls können wir jetzt einen kurzen Besuch auf Himmelblau machen. Wer kommt mit?«

»Ich«, ruft Tim.

»Und ich«, ruft Jan.

»Ich komme auch mit«, sagt Michael. »Aber zum Essen müssen Purzel und ich wieder zuhause sein, also in drei Stunden.«

»Das sind neun Stunden auf Himmelblau«, freut sich Purzel. »Das reicht für eine tolle Party. Habt ihr eine Taschenlampe dabei?«

Michael und Jan wühlen in ihren Rucksäcken. »Eigentlich müsste sie drin sein«, sagt Jan, »aber vielleicht liegt sie auch in meinem Zimmer.«

»Hallo Billy«, sagt Michael und sucht weiter herum. Dann zieht er seine bunte Taschenlampe heraus und hält sie stolz in die Höhe.

»Du hast Billy dabei?«, fragt Purzel.

»Klar«, antwortet Michael, »aber leider ist er immer nur wach, wenn der Mond scheint. Und momentan scheint er nur in der Nacht. Immer wenn ich einschlafen will, wird er munter und redet los. Das nervt vielleicht.«

»Lisa hat einen Hamster«, sagt Tim, »der wird auch mitten in der Nacht munter.«

»Billy ist doch kein Haustier«, sagt Michael. »Er ist eher wie ein Bruder.«

»Flatty ist auch immer nur wach, wenn der Mond scheint«, sagt Jan.

»Dein Flederschwein ist total süß«, sagt Eduardo. »Vielleicht könnt ihr mir eins mitbringen?«

»Kommst du denn nicht mit?«, fragt Jan.

»Leider nicht, meine Eltern fliegen gleich mit mir und meinem Bruder zu meinen Großeltern nach Spanien«, antwortet Eduardo.

»Dann kannst du uns vielleicht mit der Taschenlampe anleuchten?«, fragt Purzel.

»Aber klar doch«, antwortet Eduardo.

Michael reicht ihm seine Lampe und setzt den Rucksack wieder auf.

»Den Weihnachtsmann wollt ihr aber nicht mitnehmen, oder«, fragt Eduardo.

»Nein«, sagt Michael.

»Obwohl«, grübelt Tim. »Würde die Figur dann nicht lebendig werden?«

»Ach du Schreck«, ruft Michael. »Dann gäbe es ja einen zweiten Weihnachtsmann!«

»Das wäre doch super«, freut sich Tim. »Dann bekommen alle Kinder auf der Welt noch ein Extra-Geschenk.«

Alle lachen, nur Purzel ist kreidebleich.

»Was ist los?«, fragt Michael.

»Jetzt verstehe ich es!«, ruft Purzel und seine Ohren zucken.

»Was denn?«, fragt Tim.

»Das Märchen vom Roten Mann«, sagt Purzel. »Das ist eine Gutenachtgeschichte von meinem Opa Eichel.«

»Erzähl mal«, sagt Tim.

»Mein Opa war als Junge sehr oft an einem Ort namens Central Park, wo auch eine magische Eiche steht«, erzählt Purzel.

»Der Central Park ist in New York«, sagt Tim. »Cool, da war ich auch schon mal.«

»Eines Tages erwischte ihn ein Mädchen aus dem Park dabei, wie er gerade aus dem Astloch kletterte und groß wurde«, erzählt Purzel.

»Ach du Schreck«, sagt Michael.

»Ihr Name war Sophie. Sie wurden die besten Freunde und erlebten unglaubliche Abenteuer in New York. Später haben sie geheiratet und mehrere Kinder bekommen, darunter war auch meine Mama Ellie.«

»Deine Großmutter kommt also von der Erde?«, fragt Tim.

»Ja, ich bin zu einem Viertel ein Erdling«, lacht Purzel. »Bei einem Ausflug in die Stadt gingen die beiden in ein Warenhaus. Dort stand jedes Jahr ein Weihnachtsschlitten, so wie dieser hier, nur mit Rentieren anstelle von bunten Ponys. Oma Sophie war aufgefallen, dass Opas Augen immer so glänzten, wenn sie von Weihnachten sprach. Sie wollte ihm eine Überraschung machen und schickte den Schlitten mit ihrer Taschenlampe nach Himmelblau.«

»Also hat sie das gemacht, was wir gerade vorhaben?«, fragt Michael.

»Ja«, sagt Purzel. »Vermutlich bin ich deshalb auch auf diese Idee gekommen.«

»Und was ist mit der Figur und dem Rentierschlitten passiert?«, fragt Eduardo.

Purzel wird rot im Gesicht. »Nun ja«, sagt er, »der Mann wurde lebendig und lebte einige Zeit in der Kristallstadt.«

»Und dann?«, fragt Michael.

Purzel reibt sich seine Ohren, die sich langsam beruhigen. »Er wurde berühmt als der Rote Mann, der Kindern Geschenke bastelt. Die Elfen liebten ihn und eines Tages …«

»Ja?«, fragt Michael ungeduldig.

»Eines Tages ist er mit ein paar Elfen zurück zur Erde gegangen«, sagt Purzel. »Die Leute sagten, er wollte dort Spielzeuge herstellen und verschenken.«

Alle Kinder starren Purzel mit großen Augen an. Nach einer längeren Pause sagt Michael: »Dann hat dein Großvater den Weihnachtsmann erschaffen?«

»Keine Ahnung«, sagt Purzel. »Es ist nur eine Gutenachtgeschichte und wer weiß, ob sie wahr ist.«

»Dein Opa weiß es«, sagt Tim.

»Und deine Oma«, ergänzt Michael.

»Sie sind in der Kristallstadt bei der Feier dabei«, sagt Purzel. »Dort können wir sie ja fragen. Jetzt helft mir mal bitte, die Figur aus dem Schlitten zu heben. Wir wollen doch keinen zweiten Roten Mann lebendig machen.«

Die Jungs lachen, dann schaut Michael sich nach allen Seiten um. »Die Luft ist rein«, sagt er verschwörerisch und gemeinsam heben sie den Weihnachtsmann herunter. Sie stellen ihn neben der Elfenfigur ab, die Purzel zuvor hinter den Schlitten gestellt hat. Danach klettern Michael, Tim und Jan hinein und setzen sich auf die einzige Bank. Purzel sitzt vor ihnen auf dem Bock und nimmt die Zügel in die Hand.

»Viel Spaß«, sagt Eduardo.

»Du kommst nächstes Mal mit«, sagt Michael.

Eduardo schaltet die Lampe ein und mit einem lauten Knall sind sie unterwegs.

Das Kolosseum

In der sagenumwobenen Kristallstadt auf dem Planeten Himmelblau gibt es zahllose Wunder zu bestaunen. Die modernen Häuser sind aus purem Glas und die ewige Mittagssonne lässt ihre Fassaden in allen Farben des Regenbogens funkeln. Ein Bauwerk in der Elfenhauptstadt hingegen besteht aus Granitgestein. Das gigantische Kolosseum in der Altstadt stammt aus einer Zeit, als Riesen im Grasland geherrscht haben. Im Innern des ovalen Gebäudes ist eine Sportarena, in der die einstigen Herrscher Wettkämpfe, Streitigkeiten und sogar Kriege entschieden haben. In großen Räumen unter der Arena haben sie Waffen und wilde Tiere gelagert. Heute bieten Händler aus der ganzen Galaxis dort ihre Waren an und sorgen für das leibliche Wohl der Zuschauer. In einem dieser Kellergewölbe sind das Bärenmädchen Sali und ihre Mutter.

Sali und ihre Mitschüler erhalten heute ihre Zepter, die ein Bruchstück des magischen Kristalls aus dem Leuchtturm an ihrer Spitze tragen. Das geschieht bei einer feierlichen Zeremonie mit dem Elfenkönig und den Zaubermeistern Bärlo und Ferel. Traditionell verbringen die Väter der Zauberschüler den Nachmittag mit dem König auf der Tribüne des Kolosseums. Die Übergabe findet erst am Abend statt und so müssen Sali und ihre Mutter noch einige Zeit totschlagen. Sie schlendern durch breite und hohe Gänge, die mit Elfen, Bären, Riesen, Zwergen und einigen Menschen aus der ganzen Galaxis bevölkert sind. Es herrscht ein buntes Treiben und alle reden laut durcheinander. Ein grünhäutiger Händler vom Mars verhandelt mit einer großen Elfenfrau über eine Handtasche, während ein alter Riese sich mit einer Zwergin lautstark wegen einer Perlenkette streitet. Salis Mutter bleibt am Stand eines Obsthändlers stehen. Sali schnuppert neugierig an den exotischen Früchten, die einen sehr süßen Geruch ausstrahlen.

»Diese Erdbeeren sind ja toll«, sagt ihre Mutter zu einem Händler, der ein dunkles Gewand trägt und sich auf einen Stock stützt. An einem Finger hat er einen riesigen Ring, den Sali nicht genau erkennen kann. Sein Gesicht ist unter einer Kapuze verborgen.

»Wollt ihr eine probieren?«, fragt er mit krächzender Stimme und Salis Mutter nickt erfreut. Sie nimmt eine Erdbeere und kostet sie, doch plötzlich greift sie sich an die Kehle und keucht: »Was ist da drin?«

»Nur ein wenig Mondstaub«, sagt der Obsthändler und zeigt mit einem fiesen Grinsen seine Zähne. Er wirft seine Kapuze zurück und zum Vorschein kommt ein Bär mit dunkelbraunem Fell. Seine Augen sind grün und drehen sich wie verrückt.

»Der böse Zauberer vom Markt«, ruft Sali schockiert.

Ihre Mutter würgt, doch es ist zu spät. Ihre Pfote sinkt nach unten und ihre Augen färben sich grün. Der Bärenzauberer hebt seinen Krückstock und dreht ihn mit einer schnellen Bewegung um. Am anderen Ende ist ein grün leuchtender Stein, der immer stärker strahlt.

»Mama, wir müssen hier weg«, schreit Sali, greift nach ihrer Pfote und zerrt daran. Ihre Mutter rührt sich jedoch nicht vom Fleck.

»Abmarsch«, brummt der Zauberer und sein Zepter leuchtet hell wie ein Blitz auf.

Im Verlies

Sali sitzt in einem dunklen und engen Verlies. Sie ist umgeben von grün glänzenden, glatten Steinwänden. Auf einer Seite sind Gitterstäbe, die den Weg in einen beleuchteten Gang blockieren. Sali wirft einen Blick auf ihre Mutter, die neben ihr sitzt. »Pyramide bauen«, murmelt die Bärin und ihre grünen Augen starren auf den Boden. »Muss Pyramide bauen.« Sali sieht wieder weg und lässt den Kopf hängen.

»Das ist alles meine Schuld«, schluchzt sie.

»Da hast du Recht«, brummt eine tiefe Stimme. Sali schreckt auf und erkennt den Bärenzauberer aus dem Kolosseum hinter den Gitterstäben. Er hat sein Zepter bei sich und grinst sie an. »Es ist deine Schuld. Wenn du mir nicht mein Eigentum gestohlen hättest, hätte ich dich in Ruhe gelassen.«

»Wir Bären sind kein Eigentum«, schreit Sali und springt wütend auf. »Sie sind ein Verbrecher!«

»Herzallerliebst«, lacht der Zauberer. »Aber du irrst dich, ihr Bären seid Eigentum. Mein Eigentum. Und du kannst nichts dagegen unternehmen. Jedenfalls nicht ohne dein Zepter.«

»Bärlo wird mich befreien«, schreit Sali und geht näher an die Gitterstäbe heran. »Er wird sie bestrafen.«

»Aber sicher, du kleines Dummerchen«, lacht der Bär und hält sich den Bauch. »Ich verrate dir mal was.« Mit ernster Mine fährt er fort: »Alle waren heute im Kolosseum. Bärlo, sein Kollege Ferel, König Aurel, die Elfenarmee … Doch es war noch jemand da gewesen. Die Kristallstadt hatte heute Besuch vom grünen Mond bekommen – und zwar vom großen und mächtigen Drachen Blitzeis! Alle im Kolosseum, sogar die Zuschauer, sind jetzt Eisblöcke.«

»Nein«, sagt Sali entsetzt. »Da ist auch mein Papa!«

»Deinem Papa kann niemand mehr helfen«, lacht der Zauberer, »der ist jetzt Drachenfutter. Aber wenn du lieb bist, dann verwandel ich deine Mutter wieder zurück. Du musst nur etwas für mich tun.«

»Was?«, fragt Sali und atmet schneller.

»Werde meine Schülerin«, sagt der Bär und schaut sie ernst an. »Werde die Schülerin von Zaubermeister Zata!«

»Zata«, wiederholt Sali und geht einige Schritte umher. »Das bedeutet, dass sie im Monat des Ta geboren wurden und das ist unmöglich. Das Sternzeichen wurde vor langer Zeit umbenannt, weil ein Stern explodiert ist. Heute ist da ein Nebel und das Sternbild heißt Pu.«

»Du übersiehst etwas«, lacht der Zauberer. »Du übersiehst mein Alter. Die Mumie vom grünen Mond hat mich vor genau sechstausend Jahren zu sich gerufen und verwandelt. Zur Feier des Tages ließ sie den Stern am Himmel explodieren und ich wurde unsterblich und unverwundbar. Du könntest das auch werden.«

Sali weicht einen Schritt zurück. »Niemals«, schreit sie. »Wenn sie das wollen, dann müssen sie mich schon in einen Zombie verwandeln.«

»Zauberer der Bruderschaft muss man freiwillig werden«, antwortet er. »So wie ich damals. Ich war fünf Jahre alt und wollte zum Schwarzen See. Meine Mutter verbot es mir jedoch und sperrte mich in meinem Zimmer ein. Aber ich konnte fliehen und lief zum See hinunter und dort rief mich die Mumie zu sich. In ihrem Namen stellte ich eine Zombie-Armee auf und begann mit dem Bau der ersten Pyramide. An jenem Tag am Schwarzen See wurde ich neu geboren. Das war im Monat des Ta und so gab ich mir den Namen Zata!« Sein lautes Lachen hallt durch die Gänge.

»Sie wurden nicht neu geboren«, schreit Sali und ihre Lippen zittern. »Sie wurden verflucht!«

»Du hast so viel Magie und Leidenschaft in dir«, sagt Zata, »ich könnte dich gut in der Bruderschaft gebrauchen.«

»Ich will keine von euch werden«, sagt Sali und schüttelt heftig den Kopf. »Außerdem, falls es ihnen nicht aufgefallen ist, bin ich ein Mädchen und kein Bruder.«

Zata lacht. »Du bist ein lustiges Kind«, sagt er. »Du glaubst also, dass du was Besseres bist, als ich. Du hältst mich für böse und dich selbst für lieb. Ist das so? Bist du immer ein braves Mädchen gewesen?«

»Ich …« Sali stockt.

»Als du damals mitten in der Nacht meine Zombies befreit hast, hat dir das deine Mutter bestimmt erlaubt, oder?« Er sieht sie mit einem Grinsen an.

Sali schaut nach unten und sagt: »Wenn Unrecht geschieht und niemand etwas dagegen tut, dann …«

»… muss man die Regeln brechen?«, fragt Zata. »Ein braves Mädchen tut so was nicht, doch bei uns ist das sogar erwünscht. Überleg es dir also nochmal, ob du nicht doch eine Schwester unter uns Brüdern sein willst.«

Ein Bär mit grauem Fell und leuchtend grünen Augen kommt in den Raum vor der Zelle. Der Zauberer bemerkt ihn und brummt wütend: »Ich wollte nicht gestört werden. Was ist los, Zombie?«

»Ehrenwerter Meister Zata. Ein Flederschwein der Piraten ist gekommen«, sagt der Bär. »Sie schreiben, dass sie mit der Lieferung im Polareis feststecken.«

»Im Polareis?«, flucht der Zauberer. »Diese unfähigen Idioten! Warum sind sie nicht durch die Grotte gefahren? Naja, egal, ich kümmere mich darum.«

Als der Zombie gegangen ist, starrt Zata Sali mit seinen verrückt drehenden Augen an. »Überleg es dir noch einmal. Komm mit mir zum Schwarzen See und die Mumie wird dich in eine unbesiegbare Zauberin verwandeln. Dann kannst du deine Mutter heilen, wenn du das willst.« Er schaut sie einige Sekunden an und löst sich dann mit einem Knall in Luft auf.

Die seltsamen Bäume

Auf Himmelblau gibt es eine uralte Legende über einen Wald, in dem schreckliche Monster leben. So wie kleine Bärenkinder zu weinen beginnen, wenn sie einen Hasen sehen, werden Riesen ganz zittrig, wenn sie an diesen Ort denken. Doch niemand weiß, wo er ist. Es gibt keine Karte, auf der er verzeichnet ist und kein Dorfältester kennt seinen genauen Standort. In den Erzählungen der Überlebenden ist der Wald mal hier und mal dort gewesen. Jedes Mal, wenn ein Riese einen Wald betritt, bekommt er deshalb eine Gänsehaut und durchquert ihn so schnell wie möglich.

Michael und Tim wissen nichts von diesen uralten Legenden. Sie laufen einen Abhang hinunter und nähern sich ahnungslos einem dichten Wald. Es ist kalt und sie können ihren Atem sehen. Sie erreichen den Waldrand, wo ihnen große Bäume mit knorrigen Stämmen und dicken Wurzeln den Weg versperren. Sie bleiben stehen.

Michael schaudert. »Wir hätten den anderen sagen sollen, dass wir Feuerholz suchen. Was ist, wenn wir uns verlaufen?«

»Wie denn?«, fragt Tim. »Wenn wir zurück wollen, müssen wir einfach nur bergauf gehen, so wie wir jetzt die ganze Zeit bergab gegangen sind.«

Michael grübelt. »Okay, aber wollen wir da wirklich reingehen?« Er zeigt auf den Wald, der so dicht und dunkel ist, dass man nur die erste Baumreihe erkennen kann. »Ich hab da ein ganz mieses Gefühl.«

»Sollen wir erfrieren? Wir brauchen Holz!« Tim geht ein paar Schritte und runzelt die Stirn. »Was ist denn das?« Er läuft zu einem Baum und winkt aufgeregt. »Komm her«, ruft er und Michael folgt ihm.

Tim kniet neben einem Wesen in der Größe eines Fußballs. »Eine riesige Schnecke«, sagt Michael verblüfft. Die Schnecke hat ein grünes Gehäuse in der Form einer Pyramide. Ihr Körper ist gelb und ihre zwei Stielaugen richten sich auf Tim. Sie lächelt ihn an.

»Ich glaube, sie mag dich«, sagt Michael. »Schau mal das Muster auf ihrem Haus.«

Tim betastet vorsichtig die Pyramide. »Da sind Rechtecke und Kreise drauf«, sagt er. »Das sieht aus wie Buchstaben. Komisch.«

Plötzlich berührt die Schnecke seinen Unterschenkel. »Mmmh«, macht sie. Tim springt auf und weicht zurück.

»Sag ich doch, sie mag dich«, sagt Michael.

Die Schnecke schaut Tim an und grinst über beide Stielaugen.

»Du hast ’ne Freundin«, lacht Michael.

Tim runzelt die Stirn. »Geh weg«, sagt er.

An der hinteren Seite der Pyramide öffnet sich eine Klappe und ein Feuerstrahl schießt heraus. Mit einem lauten Knall düst sie in die Luft.

»Alter«, staunt Michael, »Hast du das gesehen?« Er folgt mit dem Blick der Schnecke, die am Himmel einen Kondensstreifen erzeugt und in Richtung des grünen Mondes fliegt.

»Ja«, antwortet Tim. »Die Schnecke hat einen Jet-Pack.«

»Oder einen Düsenantrieb«, sagt Michael. »Krass.«

»Eigentlich war sie ja ganz süß«, sagt Tim. »Die hätte ich gerne als Haustier.«

»Wenn du gerne vollgeschleimt wirst«, sagt Michael und grinst.

»Was?«, fragt Tim und schaut nach unten. Er streicht mit der Hand über seinen Unterschenkel und zieht dabei Schleimfäden in die Länge. »Igitt!«

»Komm, wir suchen jetzt nach Brennholz.«

»Okay«, sagt Tim und wischt sich den Schleim an der Hose ab.

Sie zwängen sich zwischen zwei Bäumen hindurch und betreten den Wald. Es ist dunkel und riecht modrig. Nach kurzer Zeit halten die beiden an.

»Erst diese Schleimschnecken«, schimpft Tim, »und dann landen wir in diesem Dickicht, in dem man sich kaum bewegen kann. Und nirgends liegen Äste herum.«

»Ich versteh das nicht«, sagt Michael. »Hier gibt es wohl kein Feuerholz.«

»Dunkel ist es auch«, beklagt sich Tim.

»Im hohen Norden steht die Sonne sehr tief«, erklärt Michael. »So tief, dass sie im Wald nicht mehr scheint. Wir sollten zurückgehen.«

»Ich geh nicht ohne Feuerholz«, sagt Tim und betrachtet nachdenklich einen dicken Baum mit einem großen, weit geöffneten Astloch. Dann lacht er und klettert am Stamm hinauf.

»Was hast du vor?«, fragt Michael.

»Wenn hier kein Ast liegt, muss ich eben einen abbrechen«, antwortet Tim und hängt sich mit den Händen an einen dicken Ast.

»Lass das lieber«, ruft Michael nach oben, »sonst verletzt du dich noch.«

»Du kannst ja weitersuchen«, antwortet Tim und schaukelt mit dem Ast hoch und runter.

»Bei dem dicken Ast dauert das bestimmt ewig«, ruft Michael. Dann schüttelt er den Kopf und sieht sich um. »Wo sind unsere Fußspuren?«, murmelt er und sucht den Boden ab. Da spürt er einen Luftzug im Rücken und jemand schreit: »Aaaaaaaah!«

Bis auf das laute Pochen seines Herzens ist es totenstill. Da hört er ein weiteres Geräusch. Es ist wie ein Schlucken und im Anschluss ein Rülpsen. »Öööörp!«

»Tim!«, ruft Michael. »Wo bist du?« Er atmet schneller und bekommt eine Gänsehaut. Panisch sieht er in alle Richtungen, doch von Tim fehlt jede Spur. Was war das? Eine Bewegung! Erneut schaut er sich um. Standen die Bäume eben nicht anders? Sein Herz klopft immer stärker in seiner Brust und schmerzt.

»Tim!«, ruft er so laut er kann. »TIM!«

»Hier«, antwortet eine Stimme. Michael sieht sich um, aber Tim bleibt verschwunden.

»Wo bist du?«

»Im Baum«, antwortet die Stimme.

»Was?«, fragt Michael und geht näher an einen Baum heran. Es ist der Baum, dem Tim einen Ast abbrechen wollte. Michael hält sein Ohr vorsichtig an das Astloch, das jetzt fest verschlossen ist. Es ähnelt einem senkrecht stehenden Mund. Michael ruft: »Bist du hier drin?«

»Ja«, antwortet Tim. »Leider.«

»Wie ist das denn passiert?«

»Der Ast hat sich plötzlich bewegt und mich in das Astloch gesteckt.«

»WAS?«

»Der Baum hat mich gefressen.«

Michael geht einen Schritt vom Baum weg. »Ach du Schande«, sagt er. Dann läuft er unruhig hin und her. »Was mache ich nur?«

»Du musst mich herauszaubern«, fordert Tim.

»Kannst du dich nicht selbst rauszaubern?«, fragt Michael.

»Das hab ich schon probiert«, antwortet Tim. »Es geht nicht.«

»Aber bei mir soll es klappen?«

»Du bist ja auch nicht in einem Baum gefangen. Ich kann mich kein Stück bewegen. Ich kann ja kaum atmen.«

»Oje«, stöhnt Michael. »Oje oje.«

»Mach endlich was!«

»Ich versuch es«, sagt Michael und hält seinen Zeigefinger wie einen Zauberstab in die Luft. »Abrakadabra Simsalabim, Tim soll frei sein, hex hex!«

Nach einigen Sekunden fragt Michael: »Und?«

»Ich bin noch im Baum«, antwortet Tim. »Falls du das wissen wolltest, Bibi.«

»Moment, ich probiere es nochmal«, sagt Michael und hält seinen Zeigefinger erneut in die Luft. »Wingardium leviosa!«

»Bist du jetzt Harry Potter?«, fragt Tim. »Willst du etwa, dass der Baum davonfliegt?«

Wird es unseren Helden gelingen, ihre Abenteuer zu bestehen? Begleitet sie auf ihrer unglaublichen Reise in den Norden zu den Riesen. Wo Bäume keine Bäume sind und sich Berge bei Mondaufgang in die Lüfte erheben. An den Ort, wo die Magie Himmelblaus zuhause ist und ein ewiger Regenbogen am Nordpol direkt in den Himmel führt.

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